„Am schlimmsten war die Einsamkeit“ – ehemaliger Stasi-Häftling am EBG - Eckenberg-Gymnasium Adelsheim

„Am schlimmsten war die Einsamkeit“ – ehemaliger Stasi-Häftling am EBG

Der „Gefangene 328“ kann auch nach 38 Jahren sämtliche Verbote und Regeln, die er in Haft hat lernen müssen, auswendig aufsagen. Drei Monate im Staatssicherheits-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen genügten, um aus Mario Röllig einen anderen Menschen zu machen.

Davon und vom Leben in der DDR berichtete Mario Röllig Anfang Juni den Oberstufenschülern am Eckenberg-Gymnasium.

Mario Röllig sprach assoziativ und anekdotisch, spannend und persönlich über seine Vergangenheit und das Leben in der DDR. Wehrkundeunterricht und Handgranatenweitwurf seien ihm zuwider gewesen, früh habe er gelernt, dass kritische Haltung nur Ärger bedeutete, weshalb er seine „private Nische“ durch eine Ausbildung in der Gastronomie auf dem Ost-Berliner Flughafen Schönefeld fand. Das von internationalen Reisenden gezahlte Trinkgeld in West-Geld war mehr als ein Arzt in der DDR verdiente. „Jeden Tag mit Taxi zur Arbeit, und in der Disco habe ich nicht nur eine Runde gezahlt!“, freut er sich über diese Zeit seines Lebens noch heute. Wichtig sei aber gewesen, niemals an der Arbeit über Politik zu sprechen. Die Diktatur habe den Alltag bestimmt, daher habe man außerhalb der eigenen vier Wände stets angepasst sein müssen.

Dennoch war er der DDR-Staatssicherheit (Stasi) aufgefallen: Diese wusste von seinem Partner aus West-Berlin, der ihn regelmäßig im Osten besuchte. Es war aber nicht die Homosexualität, mit der man ihn unter Druck setzte. Anders als in der BRD war diese bereits seit 1968 nicht mehr strafbar (BRD offiziell bis 1994). Vielmehr war besagter Partner als Wirtschaftspolitiker eine interessante Quelle relevanter Informationen. Nachdem Röllig empört abgelehnt hatte, verlor er seine Privilegien und wurde so vom Staat drangsaliert, dass er als letzten Ausweg, im Sommer 1987, die Flucht sah – bei der er gestellt wurde.

Orientierungslos und isoliert

Der bisher teils heitere Ton änderte sich mit dem Bericht von den in Haft erlittenen Schikanen: Wohin er gebracht wurde, wusste er nicht. Völlige Orientierungslosigkeit und Isolationshaft; dauernd gerade sitzen; nur auf dem Rücken schlafen; permanente Bobachtung; Entwürdigung; Schlafentzug durch Lärm und grelles Licht; aufgedrehte Heizung in einer kleinen Zelle. Sport, lesen, schreiben – alles verboten. „Fast der schlimmste Moment“ in der Haft sei für ihn die Erkenntnis gewesen, dass sein eigenes Land Dissidenten wie ihn „misshandelte, demütigte und schikanierte“. Das Allerschlimmste aber sei die Einsamkeit gewesen: kein Austausch, keine Bestärkung, kein Trost, keine Ermutigung.

Die Staatssicherheit der DDR wollte Menschen brechen. Die Rechnung ist teils aufgegangen: Mario Röllig verhehlt nicht, dass er traumatisiert ist und noch immer psychotherapeutische Hilfe benötigt; Vertrauen zu Mitmenschen zu gewinnen, fällt ihm auch heute noch schwer. Echte Freundschaft? Sehr begrenzt.

„Aber das Regime hat mich politisch wachsen lassen“, schließt Mario Röllig seinen Vortrag. Seit über zwanzig Jahren Mitglied der CDU, ist er seit einigen Jahren Landesvorsitzender der Lesben und Schwulen in der Union (LSU) Berlin und engagiert sich für die LGBTIQ+ Gleichstellung. Regelmäßig klärt er an Schulen über die DDR und die Staatssicherheit auf, warnt vor undemokratischen Tendenzen in der Gesellschaft. Er ist stark engagiert in der Aufarbeitung im ehemaligen Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen.

Ob sich nicht auch etwas Gutes an der DDR finden lasse, wollte jemand in der abschließenden Fragerunde wissen: „Dass es sie nicht mehr gibt!“, antwortet Mario Röllig klar.