Islam – eine für die europäische Gesellschaft nicht so vertraute Religion wie das Christentum. Andere Sitten und Bräuche – Waschungen, Kalligraphie und arabische Begriffe wie „Imam“, „Maghrib“ und „Minarett“ sind mit dieser Religion verbunden. Alimir Bilyalov (8b) berichtet vom Besuch der „Imam Azam Moschee“ in Neckarsulm, bei dem religiöse, kulturelle und politische Fragen aufkamen.
Wir, die Stufe 8 im Schuljahr 2025/26, besuchten im Zuge der von den Religionsfachschaften und der Ethikfachschaft organisierten Fachexkursion am Freitag, dem 17.04.2026, die „Imam Azam Moschee“ in Neckarsulm. Dank eines enthusiastischen und sehr freundlichen Gemeindeglieds namens Polat Calistrian bekamen wir Einblick in einen Glauben, mit dem wir nicht so oft in Kontakt kamen. Der Einblick beschränkte sich nicht auf die Innenausstattung der Moschee, sondern ging viel tiefer, da Herr Calistrian sorgfältig und geduldig unsere Fragen beantwortete und verschiedene Perspektiven ausdiskutierte.
Rolle von Frau und Mann
Als wir im großen Gebetsraum der Männer angekommen waren und uns auf die verzierten Teppiche hingesetzt hatten, kamen schon die ersten merklichen Unterschiede auf. In Moscheen gibt es nämlich getrennte Gebetsräume für Frauen und Männern, und die Moschee war sogar gerade im Prozess, die beiden Gebetsräume schalldicht voneinander zu isolieren. Dies war der Anstoßpunkt für eine ausführliche und vielschichtige Diskussion zu der Rolle der Frauen im Islam. Im Hinblick auf die Rolle der Frau im Islam wurden unterschiedliche Sichtweisen deutlich. Es wurde erklärt, dass Frauen traditionell keine Imame werden, was mit religiösen Vorgaben begründet wurde. Gleichzeitig sprach er über ein klassisches Familienbild, in dem Männer und Frauen unterschiedliche Rollen einnehmen. Dazu gehört auch das Thema Kopftuch. Besonders einprägsam war dabei eine Allegorie: Das Kopftuch verglich er mit einer Handyhülle – es sei eine Art Schutz oder äußere Form, die vorgeschrieben sein könne, aber letztlich sei entscheidend, dass religiöse Handlungen aus innerer Überzeugung, also „aus dem Herzen“, erfolgen. Diese Aussage zeigte eine gewisse Offenheit, da betont wurde, dass Zwang im Glauben keinen echten Wert habe.
In unserer Gruppe wurde diese Darstellung teilweise kritisch gesehen, insbesondere aus einer eher liberalen und feministischen Perspektive. Wir hinterfragten die festen Rollenbilder und die Aussage, dass Männer „triebgesteuert“ seien und primär die Aufgabe hätten, Geld zu verdienen. Hier wurde deutlich, dass unsere Vorstellungen von Gleichberechtigung und individueller Freiheit sich in einigen Punkten von den traditionelleren Ansichten des Gegenübers unterschieden. Ein weiterer Diskussionspunkt war das Thema Polygamie. Ein Mann darf im Islam bis zu vier Frauen heiraten, allerdings nur unter der Voraussetzung, dass er alle gleich behandelt und versorgt. Auch hier wurde in unserer Gruppe kritisch angemerkt, dass solche Regelungen aus heutiger Sicht Fragen der Gleichberechtigung aufwerfen.

Religion und Kultur
Ein weiterer wichtiger Punkt war die Frage nach Gewalt im Namen der Religion. Herr Calistrian stellte deutlich klar, dass es seiner Ansicht nach keinen Krieg und keine Gewalt geben dürfe, die im Namen einer Religion gerechtfertigt werden. Anknüpfend daran hob er die klare Unterscheidung zwischen Kultur und Religion hervor. Unser Gesprächspartner betonte, dass viele Praktiken, die oft dem Islam zugeschrieben werden, eigentlich kulturell geprägt seien und nicht unmittelbar aus der Religion selbst stammen. Diese Differenzierung erschien uns besonders wichtig, da sie hilft, Vorurteile abzubauen und ein differenzierteres Verständnis zu entwickeln.
Auch religiöse Grundvorstellungen wurden angesprochen, wie die fünf Säulen des Islams –Glaubensbekenntnis (Schahada), Gebet (Salat), Almosensteuer (Zakat), Fasten (Saum) im Ramadan und die Pilgerfahrt nach Mekka (Hadsch) –, die als Fundament des Glaubens dienen. Als die größte Ähnlichkeit mit dem Christentum erwähnte Herr Calistrian den Garten Eden und die Hölle und erklärte, dass nach deren Vorstellung man nie in den Garten Eden käme, wenn auch nur einer einem nicht verziehen habe.
Interessant war auch der Einblick in die Organisation der Moschee. Sie verfügte über keine Minarette – Türme, von denen aus ein sogenannter Muezzin, ein Gebetsrufer, die Leute singend zum Gebet aufruft –, was mit rechtlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in Deutschland zusammenhängt. Zudem erzählte er uns von deren Imamschule, in der die Ausbildung zwei Jahre in Deutschland und ein Jahr in der Türkei stattfindet und somit bilingual organisiert ist.
Ergänzt wird dies durch ein Wohnheim für externe Schüler sowie eine Schule für Kinder und Jugendliche.
Verständigung und Perspektivwechsel
Der Vormittag verlief damit wirklich schnell, da die konstruktive und informative Konversation ihr Ende nicht finden konnte. Trotz unterschiedlicher Meinungen in bestimmten Lebensaspekten und verschiedenen Perspektiven auf bestimmte Dinge konnten wir vieles lernen und für sich mitnehmen, auch etwas für unser eigenes Leben. Wir konnten ein besseres Verständnis füreinander entwickeln, Vorurteile abbauen und einen gewinnbringenden Dialog fördern.
Abschließend wollen wir uns bei der Gemeinde der Imam Azam Moschee und bei Herrn Calistrian herzlichst bedanken für die Möglichkeit, einen Vormittag lang in die Welt einer fremden, aber sehr interessanten Kultur und Glaubensrichtung einzutauchen, sanft umschlossen von den kunstvoll bemalten Wänden der Moschee. Zudem gilt unser großer Dank den organisierenden Fachschaften, vor allem den uns begleitenden Lehrkräften – Herrn Vogt (ev. Religionslehre), Frau Schüller (kath. Religionslehre) und Frau Schaffner (Ethik) – dafür, dass sie es sich zu Herzen nehmen, Nähe und engeren Kontakt zu anderen Religionen aufzubauen, sich Mühe machen, einen interreligiösen Austausch für ihre Schüler zu ermöglichen und einen aufgeklärten, respektvollen und gebildeten Umgang mit Anhängern anderer Denominationen und Religionen anzustreben.
(Alimir Bilyalov, 8b)



